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- 01.09.25: Ergänzung der aktuellen Studienlage im Überblick über consensus.app; Verbesserung der Lesbarkeit
Als Trainer für Selbstmanagement mit Getting Things Done ist Selbstdisziplin ein wichtiges Thema. In der Psychologie ist die Reduktion der Selbstdisziplin durch Anstrengungen auch bekannt als Ego Depletion Effekt. Das ist natürlich wichtig im Kontext Selbstorganisation, denn auch mit der besten Methode muss man etwas Selbstdisziplin aufwenden.

Was ist Ego Depletion?
Ego Depletion ist ein von Prof. Roy Baumeister beschriebener Effekt:jeder Mensch soll nur eine endliche Menge an Selbstdisziplin haben. Ein ganz konkretes Beispiel ist, dass es uns – der Theorie nach – am Ende eines anstrengenden Tages deutlich schwerer fallen soll, statt unserem Lieblings-Schokoriegel lieber einen Apfel zu essen. Dieser Effekt wurde seit 1998 in den Medien und Business-/Selfhelp-Büchern zitiert und verbreitet. Die Studien, die zu diesem Ergebnis kamen, werden aber leider heutigen wissenschaftlichen Standards teilweise nicht mehr gerecht. Prof. Baumeister hat auch ein schönes Buch darüber geschrieben: Willpower (2011). In diesem Buch wird übrigens die von mir favorisierte Selbstmanagement-Methode, Getting Things Done, sehr positiv erwähnt. Ich hatte schon vor einer Weile gehört, dass die Studienergebnisse wohl widerlegt worden sein sollen. Daher hab ich mich einmal tiefer in die Studienlage eingearbeitet.
Update 2025: Noch immer kein Konsens!
Mit KI werden Recherchen zu vielen Themen deutlich einfacher, auch bzgl. wissenschaftlicher Studien. consensus.app ist mein Favorit bzgl. der KI-Auswertung von Studien. Mit diesem Tool ist auf den ersten Blick ein deutlicher Trend zu erkennen. Dieser würdedoch dafür spricht, dass Ego Depletion existiert.

Auch hier muss man aber – wie eigentlich immer bei KI-Tools – vorsichtig sein. Ein genauerer Blick zeigt, dass das Schaubild trügt:
„Groß angelegte, multizentrische Replikationsstudien fanden entweder keinen oder nur einen sehr kleinen Ego-Depletion-Effekt (Effektstärken d = 0.04 bis 0.16), wobei die Konfidenzintervalle oft auch Null einschließen 2, 379. Meta-Analysen zeigen, dass frühere, größere Effekte vermutlich durch Publikationsbias und methodische Schwächen überschätzt wurden 5,2,3. Die Wahl der Aufgaben und Kontrollbedingungen beeinflusst die Nachweisbarkeit des Effekts erheblich 20,8.“
Die Studienlage im Sommer 2022: Kurzfassung
Der Eindruck, den ich auf Basis der veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel mitnehme, ist, dass es den beschriebenen Effekt definitiv gibt. Der experimentelle Ansatz war aber bisher nicht gelungen und auch zu uneinheitlich, um den Effekt sauber zu messen. Die Studienlage zeigt seit ca. 2014 Ausschläge in beide Richtungen. Die Wissenschaft ist sich also nicht einig, ob es den Effekt gibt und insb. auch, wie groß er ist.
Da aber so gut wie jeder das Phänomen aus seinem eigenen Erleben kennt, ist es für mich definitiv existent. Nur eben bisher eben nicht sauber wissenschaftlich im Experiment belegbar, auch wenn die Studienlage bis 2014 dazu eindeutig schien. Der aktuellste Übersichtsstand, den ich 2022 gefunden habe, ist dieser hier: Inzlicht et al: The Past, Present, and Future of Ego Depletion, Social Psychology (2019)
Die ausführliche Fassung der Studienlage zu Ego Depletion
Die Anzweiflungen der Existenz des Ego Depletion Effekts (2014) sind nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick wirkt. Statt dessen basieren sie auf Modellen basiert, die nachträglich versuchen, Ungenauigkeiten in die alten Studien einzurechnen. Dabei geht es, insb. um die nicht veröffentlichten Studien. Dabei geht es um den sogenannten Publication Bias, also den Effekt, dass positive Ergebnisse eher veröffentlich werden als negative. Da der Effekt – gefühlt – so viel Sinn macht, wird angenommen, dass viele Studien, die den Effekt nicht nachweisen konnten, einfach nicht veröffentlicht wurden. Die Forscher sollen schlicht angenommen haben, dass sie Messfehler hatten. Es gibt Modelle, mit denen man solche Publication Bias Effekte nachträglich einrechnen kann.
Handwerkliche Schwächen
Der Nachweis des Effekts in den Studien war wohl leider handwerklich über Jahrzehnte auch nicht besonders gelungen. Ein wesentlicher Bestandteil der Zweifel an den neueren Studienergebnissen, die den Ego Depletion in Frage stellen, ist, dass aktuell nicht sichergestellt ist, ob die Aufgaben, die die Selbstdisziplin der Teilnehmer aufbrauchen sollen, das überhaupt leisten können.
Wenn die neuen Studien nicht in der Lage sind, mit ihren „Anfangsaufgaben“ die Selbstdisziplin aufzubrauchen, kann man logischerweise bei der entscheidenden Studienaufgabe, die den Unterschied zeigen soll, auch keinen Effekt zeigen. Es wurden wohl in den neuen Studien die verschiedensten Aufgaben verwendet. Zumindest eine der sehr verbreiteten Aufgaben soll nachgewiesenermaßen nicht für den Nachweis des Ego Depletion Effekts funktionieren.
Ego Depletion: mein Fazit
Der einzige, für mich wirklich starke und valide Kritikpunkt an Ego Depletion ist, dass der Effekt der verbrauchten Selbstkontrolle in Studien sofort aufgehoben werden konnte, sobald die Teilnehmer zusätzlich motiviert wurden. Es gibt aufgrund dieses Motivationseffekts aktuell Versuche, das theoretische Modell anzupassen. Diese sind aber wohl auch noch nicht zu einem finalen Ergebnis gekommen sind. Schlußendlich lässt es sich wahrscheinlich am Besten so zusammenfassen wie in einem Artikel von 2018, der den damaligen Stand untersucht hat:
„Whether or not ego depletion is real is subject to great debate. Our analysis suggests that the critical evidence is unlikely to convince proponents that ego depletion does not exist. Likewise, the supporting evidence is unlikely to convince skeptics that ego depletion does exist.„
Friese et al.: Is Ego Depletion Real? An Analysis of Arguments, Personality and Social Psychology Review (2018), Download beim Autor
Bzw. aus einem aktuellen Artikel:
In fact, lay people we speak to sometimes wonder if this seemingly trivial notion is really worthy of the extensive study: “Do we really need scientific research to find out whether people feel less inclined todo effortful stuff when feeling drained? Of course people do!”
Inzlicht et al: The Past, Present, and Future of Ego Depletion, Social Psychology (2019)
Ich freue mich auf Kommentare & einen Austausch zu diesem Thema!
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