Der ist eine gute Zeit, um einen Artikel über diese Methode zu schreiben, ist es doch eine Zeit der Reflektion und Ruhe, in der man sich das vergangene Jahr anschaut und Pläne für das nächste Jahr macht. Ikigai ist eine Methode, bei der es darum geht, sich selbst zu analysieren und so idealerweise das zum Lebensinhalt zu machen:
- worin wir gut sind
- wofür wir bezahlt werden können
- was wir lieben
- was die Welt braucht
Das Ziel ist idealerweise, alle diese Punkte zu verbinden, um sein persönliches Ikigai zu erreichen.

Ikigai? Hört sich komisch an, wo kommt das her?
Der Begriff Ikigai kommt aus dem Japanischen. Ich habe mich mit dem scheinbaren Standardwerk zur Methode, Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden von Francesc Miralles und Héctor García (Kirai) eingearbeitet. Dort wird der Begriff mit „das Glück, immer beschäftigt zu sein“ übersetzt. Diverse Studien unterstützen zeigen, dass Menschen, die ihr Ikigai gefunden haben und leben, länger und gesünder leben. Im Rahmen einer dieser Studien haben die Befragenden den Begriff „Ikigai“ mit „Glaube, dass es das eigene Leben wert ist, gelebt zu werden“ übersetzt. Aus diesem Grund hat das o.g. Buch seinen vollen Titel, wobei es auch viel auf die gesündere Ernährung, Bewegung und allgemein gesündere Lebensweise hinweist, wenn man gesund hundert werden will. Der Bezug kommt daher, dass es ein Dorf auf der japanischen Insel Okinawa gibt, in dem weltweit die höchste Dichte an gesunden Hundertjährigen Menschen lebt. Und eben die leben ihr Ikigai.
Wie kann das helfen?
Ich habe mir mit jemandem, dessen Urteil ich schätze, Zeit genommen, dass wir uns gegenseitig dabei unterstützen, unsere Ikigai-Elemente auszuarbeiten, um zu sehen, wie nah wir an unserem Ikigai sind. Ich fand das grundsätzlich sehr sinvoll, denn wer weiß, ob das wirklich alles so zusammen passt, was man so macht. Ich setzte mir schon lange Ziele und prüfe die Richtung meines Lebens im Rahmen der Fokushorizonte bzw. Höheren Fokusebenen aus Getting Things Done. Bisher hatte ich aber nie den diese verschiedenen Bereiche auf diese Art kombiniert, so dass ich neugierig auf das Ergebnis war. Eine andere Möglichkeit, seine Lebenszufriedenheit zu überwachen, ist übrigens das Rad des Lebens, das ich auch gut finde.
Ich habe mich beim Ausarbeiten an einem frei im Internet verfügbaren Arbeitsblatt aus dem schönen Magazin „Neue Narrative“ orientiert. Dieses Arbeitsblatt habe ich als Basis für eine Excel-Tabelle genommen, mit der ich dann für mich versucht habe, alles strukturiert durchzugehen:
- zuerst habe ich in Spalten die Punkte gesammelt, die relevant sind
- Was tue ich wirklich gerne?
- Worin bin ich wirklich gut?
- Wofür kann ich bezahlt werden?
- Was braucht die Welt?
- dann habe ich durch Farbgebung abgeglichen, was bereits durch meine aktuelles Arbeitsprofil abgedeckt ist (ich habe die entsprechenden Punkte einfach grün eingefärbt).
Das Ergebnis der ersten drei Fragen hat grundsätzlich gut zueinander gepasst. Schwierig wurde es bei der letzten Frage, denn diese finde ich einerseits sehr offen (global-galaktisch), andererseits sehr schwierig im Kontext der anderen Fragen zu konkretisieren.
Ich bin bei „Was braucht die Welt?“ dann so vorgegangen, dass ich Möglichkeiten gesucht habe, wie ich mit den Dingen, die in den ersten drei Kategorien bereits überlappen, in der vierten Kategorie tätig werden könnte.
Hat die Ikigai Methodik geholfen?
Ja und Nein. Ich fand es nützlich, zu sehen, was bei den ersten drei Fragen zusammenpasst. Wenn man diese Analyse noch nie gemacht hat, ist das sicherlich besonders hilfreich. Ich hatte das – glaube ich – nicht so explizit aber doch bereits berücksichtigt. Oder ich hatte einfach Glück, eines von beidem. Auf jeden Fall war der Überlapp der ersten drei Sektoren sehr gut bei mir, was auch zu meiner Lebenszufriedenheit passt.
Was ich wenig hilfreich fand, war die vierte Frage, da sie – zumindest in den Quellen, die ich gelesen habe – ohne konkrete Vorschläge der Einarbeitung steht. Das hat bei mir ein Gefühl der Unsicherheit hinterlassen, ob die Methodik in Summe Sinn macht. Ich würde sie auf jeden Fall immer mit einem dicken Disclaimer empfehlen, der das klarstellt, bevor man anfängt. Denn ich sehe es aufgrund äußerer Zwänge als schwierig an, an diesen Stellen tätig zu werden mit Dingen, die in den anderen drei Themen überlappen.
Und der fade Nachgeschmack des Ikigai…
Merkwürdig fand ich im o.g. Buch von Miralles & García insbesondere den Abschluß: es gibt einen Besuch im Dorf in Okinawa. Das Buch enthält dort diverse Zitate zum Ikigai, die für mich überhaupt nicht zum Muster der vier Fragne passen:
- Mehrere Menschen schildern Aktivität in der Gemeinschaft und mit Freunden als ihr Ikigai.
Wie verdient man damit Geld, wie kann man „gut“ darin sein? Wie verbessert es die Welt? - Eine Person nennt „Korbflechten“ ihr Ikigai.
Wie macht man damit die Welt besser?
Der Eindruck, der dadurch bei mir aufkam, ist, dass Ikigai, die Methode, etwas ist, das nur bedingt etwas mit dem Ikigai zu tun hat, das man in jedem japanischen Dorf unter dem Begriff versteht. Dort scheint es darum zu gehen, dass man ein Leben mit Sinn und Zufriedenheit führt – unabhängig vom Guten für die Welt oder dem Geld verdienen. Geld verdient ist dort übrigens, wie im Buch beschrieben, wenig relevant, da alle aus einer Gemeinschaftskasse leben. Da das bei uns nicht so ist, macht es bei uns sicher Sinn, das Geldverdienen auch zu betrachten – denn man kann leider im Kapitalismus schlecht ohne Geld leben.
Aber vielleicht reichen die ersten drei Bereiche ja dann und die unscharfe vierte können wir uns sparen? Vielleicht hat man hier einfach eine schöne neue Methode erfunden, die sich mit japanischem Namen besser verkaufen lässt, auch wenn sie nicht viel mit dem Ursprung zu tun hat?

Heike Bauer says
Diese Methode oder das falsch deklarierte Framework, das nur in der westlichen Welt durch einen Blog-Artikel viral ging, hat auch nichts mit Ikigai zu tun. Leider bringt auch dieser Artikel mit dem KI genierten Bild hier keine Aufklärung, sondern gibt genau diesem Missverständnis durch die Grafik weiter Antrieb.
Tobias Mueller-Zielke says
Hallo Heike,
Danke für das freundliche Feedback! 😅
Mein Ziel mit dem Artikel war, herauszustellen, dass die „Methode“ wenig mit dem japanischen Ikigai zu tun hat. Gleichzeitig finde ich die Methode aber nützlich, insb. für Menschen, die gerade in einer Neuorientierung sind. Bis auf den Punkt mit dem „Was braucht die Welt“, das vielleicht einfach aus Symmetriegründen entstanden ist. Ich würde mich über etwas fundierteres Feedback oder gerne auch ein Gespräch zum Thema freuen.
Hast Du den Artikel gelesen, oder nur Deinem Frust über den ersten Eindruck Luft gemacht?
Zum KI-Bild: Bilder in Artikeln sollen den Text unterstützen. Ich habe die folgenden Wahlmöglichkeiten:
a) selbst malen, mit Stift oder digital: kostet viel Zeit und das Ergebnis ist schwach
b) Designer bezahlen: das kostet mir zu viel Geld. Ich würde es aber befürworten, wenn KI-Tools für das Trainingsmaterial die Künstlerszene vergüten würden
c) Stockphotos: kostet viel Zeit, weil ich erst die Idee für ein passendes Bild finden muss und dann auch noch ein Bild, das das darstellt. Das dauert überraschend lang, wenn es gut aussehen soll und kostet mich einen Euro pro Bild.
d) KI-generierte Bilder: die kosten mich weder Zeit noch Geld, weil ich genau das Motiv, das mir eingefallen ist, mit einer oder zwei Schleifen erstellen lassen kann. Und es drückt genau das aus, was ich will.
Da ich mehrere Artikel pro Monat veröffentliche, sind KI-Bilder fraglos die beste Alternative für mich. Auch hier freue ich mich über fundierte Argumente, um das Thema zu vertiefen.